Erinnern für die Zukunft EIBIA Pulverfabrik Dörverden 1938 – 1945

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Repressalien gegen EIBIA – Bauarbeiter

Arbeitserziehungslager (AEL)

1940 von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) eingerichtete Lager, in denen ausländische Arbeitskräfte wegen Nichterfüllung ihrer Arbeitspflicht (Verweigerung, Bummelei u.a.) auf begrenzte Zeit (56 Tage mit Verlängerungsmöglichkeit) zur "Erziehung durch Arbeit" eingewiesen werden konnten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Insassen der AEL waren hart und mit den Verhältnissen in den Konzentrationslagern vergleichbar. Nach einem Runderlaß des Reichsführer SS (Heinrich Himmler) vom 15.12.1942 wurden zusätzlich in den größeren Betrieben, in deren Nähe kein AEL lag, Erziehungslager unter der Leitung von Staatspolizeileitstellen eingerichtet, wo die Häftlinge durch Angehörige des Werkschutzes bewacht wurden.

Zentner, Kurt: Das große Lexikon des 2. Weltkrieges, München 1968

Arbeitsvertragsbruch

Der häufigste Grund für die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager war sogenannter "Arbeitsvertragsbruch" durch ausländische Arbeitskräfte. Als "Arbeitsvertragsbruch" wurden Arbeitsverweigerung, Arbeitsniederlegung und alle Formen von nicht genügender Arbeitsleistung angesehen. Obwohl es im Sinne von Arbeitsverträgen abgeschlossene Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und polnischen oder russischen Arbeitern gar nicht gab, galten Arbeiter aus diesem Gebiet, die ihren Arbeitsplatz ohne Zustimmung des Arbeitsamtes verließen, als "vertragsbrüchig". Die Gründe für die hohe Zahl von "Arbeitsvertragsbrüchen" zählt eine Analyse des Staatssicherheitsdienstes (SD) auf. "Von den betreffenden Arbeitern ist z.B. vielfach über falsche Versprechungen bezüglich ihr Arbeitsbedingungen geklagt worden. Man hat über Löhne, Urlaub, Familienheimfahrten, Versorgung der Familie in der Heimat, Beschäftigung in bestimmten Berufszweigen usw. Angaben gemacht, die nachher nicht eingehalten wurden.

Wessels, Rolf: Das Arbeitserziehungslager Liebenau 1940-1943, Nienburg 1990

Einsatz der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in den EIBIA-Betrieben

Im September 1939 berichtete die Wirtschaftsinspektion bei der Rüstungsinspektion X, zu deren Bereich Liebenau gehörte, von großem Arbeitskräftemangel und zunehmender Arbeitsunwilligkeit, von "Arbeitsniederlegungen, pflichtwidrigem Fernbleiben von der Arbeit, insbesondere im Anschluß an Lohntage und zum Wochenende, eigenmächtige Urlaubsfahrten, Arbeitsvertragsbrüchen, offenen Widersetzlichkeiten usw." Diese Darstellung auf dem Arbeitssektor galt ausdrücklich auch für den Betrieb von Wolff u. Co. in Bomlitz und die Baustellen der EIBIA in Liebenau und Dörverden.

Die als kriegswichtig eingestufte schnelle Fertigstellung des Werkes Liebenau forderte von Wolff u. Co. Schritte zur Verbesserung der Arbeitsmoral, um "hinsichtlich der Arbeitsdisziplin wieder tragbare Zustände herzustellen." Die daraufhin von Wolff und Co. ergriffenen Maßnahmen stellen ein abgestuftes Belohnungs- und Bestrafungssystem dar. Besonders zuverlässigen Arbeitern wurde Sonderurlaub in Aussicht gestellt, und die sozialen Einrichtungen des Betriebes, an denen Kritik laut geworden war, wurden insgesamt verbessert, "daß in dieser Hinsicht Klagen nicht mehr vorzubringen sind", wie die Wirtschaftsinspektion dazu vermerkte. Gleichzeitig wurde aber die Aufsicht, Kontrolle und Überwachung der Arbeiter verschärft. Im Werk Bomlitz wurde im November 1939 ein Sonderkommando der Gestapo mit einer Stärke von fünf Polizeibeamten eingerichtet. Werksleitung und Rüstungskommando bewerteten diese Maßnahme als Erfolg und machten sie zum Modell für einen verstärkten Gestapo-Einsatz auch auf den Baustellen in Liebenau und Dörverden "Da die Leistungen des Werkes als solches durch die Maßnahmen gestiegen sind, so wird in Erwägung gezogen, durch gleiche Maßnahmen auf den Baustellen Dörverden und Liebenau nach den gleichen Grundsätzen zu verfahren. Nach einer Aussprache mit den zuständigen Arbeitsamtsstellen sind diese mit der getroffenen Regelung einverstanden und fühlen sich durch die Tätigkeit der Stapo entlastet."

Wessels, Rolf: Das Arbeitserziehungslager Liebenau 1940-1943, Nienburg 1990

Repressalien gegen EIBIA-Bauarbeiter

Im Zusammenwirken der Firmenleitung, Werkschutz, Arbeitsamt und Geheimer Staatspolizei (Gestapo) setzte Wolff & Co. ein repressives Verfahren zur Überwachung der Arbeiter in Gang. Ziel war es, Ausfällen von angeblich über 20% auf den Baustellen Dörverden und Liebenau durch ein funktionierendes System der Überwachung entgegenzuwirken. Einsatz und Vorgehen der Gestapo verfehlten ihre beabsichtigte disziplinierende und abschreckende Wirkung nicht. Über das in Bau befindliche Werk Liebenau bemerkte die Rüstungsinspektion am 6. Dezember 1939: "Bei dem letzteren hat man sehr gute Erfahrungen mit dem Einsatz eines kleinen Kommandos der Gestapo gemacht (Festsetzungen im KZ oder in Polizeihaft). Bummelei, Urlaubsüberschreitungen usw. haben sofort erheblich nachgelassen."

Wessels, Rolf: Das Arbeitserziehungslager Liebenau 1940-1943, Nienburg 1990

Ungeklärte Schicksale von Zwangsarbeitern in Dörverden

Bei der Durchsicht von Meldekarten aus der Zeit von 1941-1945 fanden Schülerinnen der Klasse 10b fünf Meldekarten, auf denen die Einweisung in ein Arbeitserziehungslager bzw. die Einweisung in ein KZ vermerkt war. Die eingewiesenen Personen sind unter Umgehung der Gerichte direkt in diese Straflager gebracht worden. Diese Menschen hatten nicht die Möglichkeit, sich vor einem ordentlichen Gericht zu verteidigen. Ein Gerichtsurteil gegen sie wurden nicht verhängt.Das Schicksal dieser Menschen ist bisher ungeklärt.

(Gemeindearchiv Dörverden)

Arbeitserziehungslager Liebenau

Bekleidung und Unterbringung

Nach ihrer Einlieferung ins Lager wurden die Häftlinge registriert und bekamen eine Häftlingsnummer. Ihre Kleidung mußten sie abgeben, sie wurde während der Haftzeit in der Kleiderkammer des AEL verwahrt. Dafür erhielten sie einheitliche Häftlingskleidung. Die Häftlinge waren für kalte Winter überaus schlecht gekleidet, auf dem Kopf trugen sie Mützen aus Leinen, wie sie die Bäcker tragen. Wollte sich jemand etwas Warmes in die Mütze legen, wurde er geschlagen und auf verschiedene Weise gestraft. Alle Häftlinge waren geschoren, so daß es kalt am Kopf war. Die auffällige Bekleidung der Häftlinge sollte Fluchtversuche verhindern und unmöglich machen (...)

Untergebracht waren die Häftlinge in Holzbaracken, die von der Bauleitung von Wolff u. Co. aufgestellt wurden. (...) Im Inneren waren die Baracken nicht weiter unterteilt, sie bestanden lediglich aus einem großen Raum. Ein Häftling erinnert sich: "Danach kamen wir in die Blocks ... Wir schliefen auf hölzernen Etagenpritschen, die mit Strohsäcken und Decken für jede Person ausgestattet waren. Die Baracken waren in schlechtem Zustand, die Wandbretter hatten solche Risse, daß man dadurch die Wachleute außerhalb der Baracke sehen konnte. In Verbindung damit waren die Baracken kalt, die Häftlinge litten empfindlich unter der Kälte, wir schliefen zu mehreren auf einer Pritsche, damit uns wärmer sei."

Ernährung

( ...) Übereinstimmend berichten alle ehemaligen polnischen Häftlinge von einer schlechten und nicht ausreichenden Ernährung während ihrer Haftzeit: "Auf dem Lagergelände herrschte großer Hunger. Morgens erhielten wir ein Stück Brot mit Marmelade und schwarzen Kaffee. Mittags brachte man uns zur Arbeitsstelle, wo wir tiefe Gräben ausschachteten. Dort bekamen wir Suppe, die überwiegend aus Rüben zubereitet war und ohne Fleisch. Jeder von uns erhielt eine Kelle Wassersuppe und ein kleines Stück Brot, abends erhielten wir um 20 Uhr vier ungeschälte Kartoffeln und ein zweites Mal wäßrige Suppe. Oft fanden wir unterwegs (auf dem Weg zur oder von der Arbeitsstelle, R.W.) verdorbene Kartoffeln oder andere wertlose Nahrung. Wir hoben sie von der Erde auf, daß die Deutschen es nicht bemerkten, wir verwahrten sie und aßen sie erst nachts unter der Decke auf dem Bett, damit es niemand sehe. Wenn ein Deutscher das gesehen hätte, wäre der Mann sofort zusammengeschIagen worden."

( ... ) Noch schlechter als die polnischen wurden die russischen Häftlinge versorgt. "Diese Häftlinge hatten keine warme Bekleidung, sie waren nur in Hemden und dünnen Jacken (Weihnachten 1942, R.W.). Man verpflegte sie auch bedeutend schlechter als die übrigen. Sie bekamen überhaupt kein Fett, und wenn die anderen auch nur Marmelade bekamen, erhielten sie trockenes Brot. Sie waren entkräftet. (...) Wie außerhalb standen auch im AEL die russischen Gefangenen in der Rangordnung nach Nationalitäten am Ende der Skala. Im AEL Liebenau gab es unter ihnen die meisten Todesfälle, im Zeitraum von Januar 1942 bis April 1943 starben 166 "Ostarbeiter". Wie sehr man sie zum Hungern zwang, zeigen sechs Fälle von Vergiftungen bei russischen Häftlingen. Sie starben, weil sie tote Fische, die an das Ufer der Aue getrieben worden waren, roh verschlangen, und nach dem Essen unbekannter Wurzeln bzw. Pilze, die sie im Wald bei ihren Arbeitsstellen gefunden hatten.

Dabei hungerten die Häftlinge im Lager, obwohl ihnen die normale Verpflegung einschließlich Schwer- und Schwerstarbeiterzulage genauso zugestanden hätte wie allen anderen Arbeitern, die beim Bau der Pulverfabrik eigesetzt waren! Die Verpflegung für das AEL Liebenau wurde von Wolff & Co. geliefert.

Medizinische Versorgung

( ... Die Häftlinge kamen von den Arbeitsstellen in das Lagerlazarett und wiesen oft Prügelwunden auf. Dem für die Arbeitsfähigkeit und Gesundheit der Häftlinge zuständigen Vertragsarzt ist es dagegen lediglich zu Ohren gekommen, daß man Häftlinge auf den Arbeitsstellen verprügelt hatte. Außer den Spuren von Mißhandlungen wiesen die Häftlingen vor allem Merkmale schwerer körperlicher Erschöpfung und Entkräftung auf, wenn sie in das Lazarett eingewiesen wurden. Trotz dieser augenfälligen Gründe war eine Krankmeldung für die Häflinge mit einem großen Risiko verbunden. Unter Umständen wurden sie als "Simulanten" abgewiesen und zur Strafe obendrein mißhandelt. ...)

Mißhandlungen und Todesfälle

(... Auf den Arbeitsstellen wurden die polnische Häftlinge von der Werkschutzmännern, die sie dort zu bewachen hatten, zu schneller Arbeit angetrieben und auch mißhandelt. Wenn nach Meinung eines beaufsichtigenden Wachmannes die Arbeit zu langsam vonstatten ging, nahm er nassen Sand auf einen Spaten und warf ihn von oben auf den Kopf eines unten arbeitenden Häftlings. Wer sich zum Schutz gegen Kälte und Feuchtigkeit leere Zementsäcke unter die Kleidung steckte und dabei entdeckt wurde, erhielt Prügel. Bei der Arbeit wurden die Häftlinge für die geringste Übertretung geschlagen. Als Verschulden galt u.a., wenn die Häftlinge sich miteinander unterhielten.

Einzelne Todesopfer der schweren Mißhandlungen sind identifizierbar. Anfang 1943 war ein Marokkaner im AEL inhaftiert. Wegen seines fremdländischen Aussehens richteten sich gegen ihn besondere Aggressionen. Er wurde als Halbjude bezeichnet und von den Wachmannschaften schwer mißhandelt. Nach einem angeblichen Vergewaltigungsversuch, an den sich das angebliche Opfer nicht erinnern kann, wurde Mohamed Bachir totgeschlagen, nach Ansicht des Wachmannes W. von einem oder mehreren Schutzpolizisten. Im Liebenauer Standesamt ist für den Tod Bachirs das Datum 28.2.1943 verzeichnet. Als Todesursache ist Kreislaufschwäche angegeben.

Kannibalismus

Nach der Erinnerung Edward B.`s führte der Hunger im Lager sogar zu einem Fall von Kannibalismus: "Wie schrecklich der Hunger war, mag die Tatsache bezeugen, daß ein Häftling diesen Erhängten, dessen Leichnam im Abort lag, ein Stück Fleisch aus dessen Gesäß herausgeschnitten hat."

Wessels, Rolf: Das Arbeitserziehungslager Liebenau 1940-1943, Nienburg 1990
Zeitungsausschnitt

Als die Kriegsgegner Deutschlands 1945 die Tore der Konzentrations- und Vernichtungslager öffneten, fanden sie die Überlebenden: ausgemergelt, nahezu verhungert, seelisch zerstört. Seither sind die Namen dieser Lager in aller Welt Sinnbild der nationalsozialistischen Terrordiktatur geblieben; neben Auschwitz zum Beispiel Buchenwald und Dachau, Bergen-Belsen und Neuengamme, Maidanek und Treblinka.

KZ Häftling

Konzentrationslager (KZ)

(... Einrichtungen zur Zusammenfassung von politischen Häftlingen, Straffälligen, "unsicheren Elementen", Kriegsgefangenen, Internierten u.a. Erstmals entstanden während des amerikanischen Bürgerkriegs und später auch im Burenkrieg eingerichtet, stehen die KZ heute als Begriff für den nationalsozialistischen Polizeistaat. Das 3. Reich schuf sich mit ihnen ein Terrorinstrument, das in aller Offenheit - ganz im Gegensatz zu den Vernichtungslagern anläßlich der Judenverfolgung - gehandhabt wurde.
( ... ) Was Hygiene, Kleidung, Verpflegung und ärztliche Versorgung anging, waren die Lebensverhältnisse in den KZ überall empörend. Die Insassen hausten zumeist in zugigen Holzbaracken, schliefen auf dreistöckigen Etagenpritschen, oft zu dritt unter einer einzigen Decke. Statt Matrazen gab es Strohsäcke und manchmal nur das blanke Holz. Selbst im Winter erhielten die geschwächten Häftlinge keine weitere Kleidung als den dünnen, ungewaschenen gestreiften Anzug. Zu essen gab es neben geringen Brotrationen vor allem Rüben- und sonstige Wassersuppen. Die unzulänglichen sanitären Einrichtungen riefen immer wieder Seuchen hervor, die im Verein mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu außerordentlich hoher Sterblichkeit führten. Darüber hinaus forderten Mißhandlungen, drakonische Strafen und Menschenversuche von nationalsozialistischen Medizinern zahllose weitere Opfer. Ursprünglich gedacht als Umerziehungslager, aus denen man nach guter Führung entlassen werden konnte, wandelten sich die KZ im Laufe der Zeit zu Instrumenten einer aggressiven Rassen- und Bevölkerungspolitik. Neben vermeintlichen und tatsächlichen Regimegegnern wurden zunehmend Homosexuelle, Sektenmitglieder und sogenannte Arbeitsscheue auf Dauer eingeliefert und zur Sklavenarbeit gezwungen. Nach Kriegsbeginn kamen Gefangene und ausländische Häftlinge aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten hinzu. In den Lagern stand somit ein riesiges Reservoir an Zwangsarbeitem zur Verfügung, das die SS zum Aufbau eigener Wirtschaftsbetriebe nutzte ... )

Zentner, Kurt: Das große Lexikon des 2. Weltkrieges, München 1968

Die furchtbare Realität des Nationalsozialismus
Am Beispiel der Zwangsarbeit – ein Projekt der Hauptschule Ganderkesee 1998

© Gemeinde Dörverden, 2004.